Die letzten Wochen sind an mir vorbeigerauscht wie in einer Art Trance. Zwischen Ende Dezember und heute gab es in der Szene hier oben praktisch nichts zu berichten – keine Events, keine nennenswerten Entwicklungen, kein großes Drama, keine Breaking News. Das ist eigentlich seltsam für mich, der auf dieser Plattform sonst regelmäßig über Künstler:innen, Drops und Veranstaltungen berichten möchte. Aber darf ich ehrlich sein? Ich habe mich über diese Ruhe unfassbar gefreut.
Als die „Muss-Aufgaben“ zu Pausen wurden
Ich gebe es zu: Sobald der Alltag zuschlägt fühlt es sich schnell so an, als laufe man in einem Hamsterrad vor sich hin. Die unpersönliche Generalisierung „man“ im vorstehenden Satz ist dabei vermutlich durch die präzise Adressierung „Domenic“ zu ersetzen. Doch ich habe das Privileg, beruflich wie privat genau das zu tun, was ich liebe. Ob in meinem Sales-Job im Bereich „irgendwas mit Medien“, mit musikalischem Output oder durch dieses Herzensprojekt HipHop NordWest – all das ist Leidenschaft, gleichzeitig aber auch Routine und Verpflichtung. Mit manchen dieser Leidenschaften gehen Dinge einher, die ich schlicht tun muss. Dass ich sie auch tun will, ist mein persönliches Glück – aber längst keine Selbstverständlichkeit.
Über die Festtage habe ich bewusst einen Gang zurückgeschaltet. Und irgendwann zwischen den Tagen passierte etwas: Die Inspiration kam zurück – nicht dramatisch, eher wie nach einer kurzen Pause, bei der man schon vorher wusste: Wir gehören ja irgendwie doch zusammen. Ich schnappte mir einen von euch, einen Local Hero aus der Nordwest-Szene (oder schnappte er mich?) und stand plötzlich im Studio. Keine Pflicht, keine Deadline, keine Strategie dahinter. Einfach zwei Leute, ein Beat und das, was rauskommt, wenn man wieder Lust aufs Schaffen hat statt auf das Schreiben über Schaffen. Ein Song ist entstanden – rohstoffreich, real, und ich kann es kaum erwarten, dass die Welt ihn hört.
Ist die Szene jedes Jahr so ruhig?
Das war für mich die erste große Frage: Liegt die Stille an der kunstschaffenden Szene selbst, oder liegt sie an der Industrie? Und die Antwort ist differenzierter als ein einfaches Ja oder Nein. Tatsächlich ist der Dezember und Januar für Musikveröffentlichungen eine strategisch ungünstige Zeit. Die Digital Service Provider (also Spotify, Apple Music und Co.) fahren ihre Kapazität runter, gleichzeitig steigt das Volumen an Veröffentlichungen – das führt zu einem Stau zwischen dem 19. Dezember und dem 7. Januar. Künstler:innen und ihre Labels wissen das längst: In dieser Zeit ihre wichtigsten Releases rauszubringen, ist strategisch unklug.
Aber es geht nicht nur um Technisches. Mit dem 24. Dezember kippt der Streaming-Konsum ins Weihnachtliche. Am Heiligabend 2025 wurden in Deutschland 950 Millionen Musikstreams abgerufen – ein neuer Rekord. Aber das sind nicht Deutschrap-Tracks. Das sind Mariah Carey, Wham!, Chris Rea und Michael Bublé. Insgesamt 90 von 100 der meistgestreamten Songs sind klassische Weihnachtstitel. Neuer Deutschrap? Der hat gegen „All I Want For Christmas Is You“ (6,78 Millionen Streams allein am 24.12.) keine Chance.
Die Künstlerseite: Eine willkommene Pause?
Das Interessante ist: Das ist nicht einfach nur Industrie-Verschwendung. Viele Künstler:innen nutzen diese Zeit bewusst als Schaffenspause. Und das ist wissenschaftlich fundiert. Pausen sind für kreative Menschen nicht einfach Luxus – sie sind notwendig. Der französische Mathematiker Henri Poincaré beschrieb es so: Man sitzt an einer schwierigen Aufgabe, kommt nicht voran, macht Pause. Und plötzlich fällt es einem wie Schuppen von den Augen.
Für Künstler:innen bedeutet das konkret: Die Winterpause ist eine Chance, aus dem Hamsterrad auszusteigen. Nicht mehr Content pushen, sondern an der Hängetränke schlabbernd Energie tanken. Zeit mit Familie, Zeit zum Schreiben, Zeit zum Produzieren – aber ohne den Druck der Veröffentlichungsmaschinerie. Die Pausen schaffen das, was der Poet Christian Morgenstern so wunderbar ausdrückte: Sie machen aus einer Bretterwand einen Lattenzaun mit Zwischenraum, durch den man hindurchschauen kann.
Und genau das ist mir zwischen den Jahren passiert. Dieser Zwischenraum hat mir erlaubt, wieder zu tun, was ich liebe – nicht, weil ich es schreiben muss, sondern weil ich es wirklich will. Das Basteln von Beats, das Schreiben von Texten – das ist zum Glück nie wirklich zu einer Aufgabe geworden, jetzt jedoch wahrlich wieder etwas, das einfach passiert.
Aber liegt es auch an der Hörerschaft?
Ja. Während Künstler:innen in die Winterpause gehen und die Musikindustrie auf Sparflamme läuft, schaltet auch das Publikum einen Gang zurück. Die Aufmerksamkeit wandert zu Familie, Geschenken und Weihnachtsfeiern – Musik rückt in den Hintergrund. Das Konzertbudget ist längst verplant, meist für Festival-Tickets unterm Baum, nicht für das spannende Hip-Hop-Event dazwischen. Kurator:innen von Playlisten? Auch sie sind im Urlaub und nicht aktiv. Das ist keine böse Intention, sondern schlicht menschlich.
Würde man einen Deutschrap-Release am 27. Dezember hochfahren – mit vollem Marketing-Budget und Push – wäre das wie gegen Windmühlen kämpfen. Die Hörer:innen würden ihn schlicht nicht hören, und falls doch, würde die Chartplatzierung schnell wieder fallen. Das ist kein Fehler der Künstler:innen oder der Plattform, sondern ein strukturelles Phänomen.
Was lernen wir daraus?
Die Phase zwischen Weihnachten und Neujahr ist in der Szene eigentlich das, was sie sein sollte: eine Pause. Nicht als Zeichen von Niedergang oder mangelnder Kreativität, sondern als sicheres Zeichen dafür, dass Kunstschaffende und Industrie verstanden haben, wann man voranprescht und wann man innehält. Die größten Releases kommen ab Mitte Januar wieder. Dann, wenn die Menschen in ihren Alltag zurückgefunden haben, der Kopf wieder nach dieser Form von Freiheit verlangt und neue Musik wieder Raum im Herzen hat.
Und was lerne ich daraus?
Also ja, die Szene war zwischen Weihnachten und Neujahr verdammt leise. Aber das ist nicht beängstigend, nicht deprimierend, nicht das Zeichen eines sterbenden Genres. Ganz im Gegenteil: Es ist das Zeichen einer reifen, professionellen Szene, die gelernt hat, wann man Vollgas gibt und wann man Luft holt.
Und für mich war das die beste Medizin. Jetzt, wo der Kopf wieder frei ist und die Hitze im Studio den perfekten Gegenpol zur Kälte draußen bildet, kann ich endlich wieder mit vollem Herzen zurück in Aktion treten – und das wird umso besser, weil ich weiß: Ich mache das nicht, weil ich es muss. Ich mache es, weil ich es will.
Die Szene meldet sich zurück. Und sie hat gute Gründe, das zu tun – Willkommen in 2026, Nordwest. Es wird fett.



