Haftbefehl bei Netflix, Xatar in der ARD-Mediathek, Shirin David auf dem Streaming-Sofa der Republik – und jetzt OG Keemo und Produzent Funkvater Frank im ZDF. Das ist kein Zufall und kein Trend, der bald wieder verschwindet. Rap-Dokumentationen sind gerade das Format der Stunde, und es gibt handfeste Gründe dafür.
HipHop war immer schon Medienkultur
Soziologin Heidi Süß, die zu Rap und Männlichkeit forscht, bringt es auf den Punkt: „Hip-Hop und Rap waren immer schon eine Medienkultur.“ Bereits in den 80er Jahren kamen die ersten prägenden Filme – Wild Style, Beat Street – über den Atlantik und machten HipHop-Kultur für ein europäisches Publikum erfahrbar, lange bevor es Streaming oder YouTube gab. Dokus und Filme über HipHop haben also eine Geschichte, die so alt ist wie HipHop selbst in Deutschland.
Was sich verändert hat: Der Markt ist gewachsen. Rap ist, laut Süß, „aktuell so groß, ausdifferenziert und kommerzialisiert wie nie zuvor“. Und die Menschen, die heute Dokumentationen über Rapper produzieren, sind häufig selbst mit HipHop groß geworden – sie kennen die Sprache, die Referenzen, die Codes. Das merkt man den Produktionen an.
Wer profitiert – und warum
Die Rechnung ist für alle Seiten attraktiv. Netflix weiß, dass eine Haftbefehl-Doku eine existierende, loyale Fangemeinde adressiert. Die ARD hat nach dem Xatar-Porträt „Tach Tach“ von einem der erfolgreichsten Doku-Starts in der Geschichte der Mediathek gesprochen. Popmusik-Expertin Barbara Hornberger von der Bergischen Universität Wuppertal nennt das Kalkül direkt: „Man kann mit relativ wenig ökonomischem Risiko ein relativ großes Publikum erreichen.“
Für die Künstler selbst ist das Format ebenfalls interessant – und nicht nur aus künstlerischen Gründen. Shirin David, Haftbefehl und Capital Bra haben längst Eistee-Marken. Mit einer Doku erschließt man sich ein anderes Publikum, verbreitert den „Brand“, erreicht Menschen, die vielleicht die Musik nicht mehr aktiv hören, aber die Geschichte hinter der Person interessiert. Oft, so Süß, steht im Umfeld einer Doku auch ein neues Album oder Projekt an. Eigenwerbung im Dokumentarfilm-Format.
Identifikation als Kernprinzip
Was diese Produktionen über reines Marketing hinaushebt, ist ihr emotionales Potenzial. Süß beschreibt es so: Rap-Biografien haben ein „breites und vor allem emotionales Identifikationspotenzial“. Es geht um Liebe, Tod, Kriminalität, Drogen – aber eben auch um Migrationserfahrungen, um Rassismus, um das Aufwachsen in Verhältnissen, die der Mainstream lange ignoriert hat. „Rapper wie Haftbefehl repräsentieren auch etwas, was unsere Gesellschaft kennzeichnet: Superdiversität.
„Das ist der Unterschied zu einer normalen Promi-Doku. Wer in Haftbefehl eine Version seiner eigenen Geschichte sieht, schaut nicht nur einem Star beim Leben zu. Er sieht sich selbst – in einem Medium, das groß genug ist, um gesellschaftlich wahrgenommen zu werden.
Der Widerspruch steckt im Konzept
Süß sieht aber auch eine Spannung, die viele dieser Formate durchzieht: Rap behauptet, nah an der Realität zu sein – und Dokumentationen tun dasselbe. Beide Formate versprechen Authentizität. Und beide sind gleichzeitig Inszenierung.
Hinzu kommt ein inhaltlicher Widerspruch, den Süß scharf benennt: „Einerseits erzählt man von sich als Opfer äußerer Umstände, einer rassistischen oder neoliberalen Struktur. Andererseits bestätigt man gleichzeitig die Logiken, die man eigentlich kritisiert.“ Der Rapper, der sein Leben vermarktet, um zu zeigen, wie er sich dem System widersetzt hat – und dabei selbst zum Produkt wird. Das ist keine Kritik an einzelnen Künstlern, sondern eine Beobachtung über das System, in dem diese Dokus entstehen.
Dass das ZDF jetzt mit OG Keemo und Funkvater Frank zwei Artists porträtiert, die eher für künstlerischen Anspruch als für kommerzielle Strahlkraft bekannt sind, zeigt: Das Format hat eine Bandbreite gewonnen, die über Hype-Zyklen hinausgeht. Rap-Dokus sind nicht mehr nur für Fans – sie sind für alle, die verstehen wollen, wie diese Musikkultur die Gesellschaft geprägt hat. Und das ist eine gute Entwicklung.
Foto: Hannes P. Albert / dpa



