Es gibt Debatten in der HipHop-Kultur, die nie ganz aufhören. Eine der hartnäckigsten: Wann begann Graffiti wirklich – und gehört es überhaupt zur HipHop-Kultur, oder existierte es schon lange davor als eigenständige Kunstform? Am Mittwoch, 25. Juni 2026, haben Falk Schacht und Graffitiforscher Sven Niemann im Kunstverein Hannover genau diese Frage in den Mittelpunkt gestellt. Der Eintritt war frei, der Vortrag war es nicht.
„Das ist schlechtes Graffiti“ – warum die Frühgeschichte ignoriert wird
Wer heute als Writer aktiv ist, denkt bei Graffiti oft zuerst an die Ästhetik der 80er Jahre: aufwendige Wildstyle-Pieces, fette Bubbleletters, Subway-Trains in New York. Das ist die Graffiti-Welt, die durch HipHop-Kultur, durch Filme wie Wild Style oder Style Wars, durch Magazine wie Subway Art global bekannt wurde.
Was dabei fast vollständig aus dem Blick gerät: Graffiti gab es bereits vor diesem Moment. Und wer diese früheren Arbeiten heute zeigt, erntet manchmal wenig Begeisterung. Schacht bringt es auf den Punkt: „Für diese Hip-Hop-Maler wirken frühe Arbeiten ästhetisch wenig interessant, manche würden sogar sagen: Das ist schlechtes Graffiti.“
Das ist kein Randproblem – es ist eine Frage der Geschichtsschreibung. Wer die Vorläufer-Generation ignoriert oder als hässliche Kritzelei abtut, schneidet einen wichtigen Teil der Herkunft dieser Kunstform ab. Und genau dagegen arbeiten Schacht und Niemann mit ihrem Vortrag an.
Punk, Hausbesetzer, Rap-Maler: mehr gemeinsam als man denkt
Was „The Sound of Graffiti“ besonders macht: Der Vortrag zeigt nicht nur, dass Graffiti älter ist als HipHop – er zeigt auch, welche unerwarteten Gemeinsamkeiten die frühen Writer mit der Punk-Szene, der Hausbesetzer-Bewegung und dem, was später als HipHop-Graffiti bekannt wurde, teilen. Schachts Formulierung dafür trifft es gut: „In unserem Vortrag zeigen wir, welche Gemeinsamkeiten diese Vorvätergeneration mit den jetzigen Malern hat.“
Um das zu veranschaulichen, haben die beiden echte Artefakte mitgebracht: Plattencover – von Marius Müller-Westernhagen bis Lou Reed – die zeigen, wie Graffiti-Ästhetik längst in anderen Subkulturen präsent war, bevor das Element offiziell in den HipHop-Kanon aufgenommen wurde. Das ist klug: Musik als visuelles Dokument, Plattencover als Beweisstück.
Heimspiel für Hannover
Dass dieser Vortrag in Hannover stattfindet, ist kein Zufall. Falk Schacht ist gebürtig aus der Stadt, kennt die lokale Szene seit Jahrzehnten und hat Hannover in zahlreichen Beiträgen als wichtigen Ort für HipHop- und Graffiti-Kultur beschrieben. Der Kunstverein Hannover an der Sophienstraße wiederum ist mit der laufenden Gruppenausstellung „Under the Milky Way“ (noch bis 19. Juli 2026 zu sehen) der perfekte Rahmen für genau diese Diskussion – Kunst und Subkultur auf Augenhöhe.
Wer den Vortrag verpasst hat: Die Ausstellung läuft noch. Und das Thema, das Schacht und Niemann aufgeworfen haben, wird nicht so schnell wieder zur Ruhe kommen.
📍 Kunstverein Hannover, Sophienstraße 2, Hannover
🖼 Ausstellung „Under the Milky Way“: noch bis 19. Juli 2026
🎟 Eintritt frei | kunstverein-hannover.de
Foto: Falk Schacht (privat)



