Wer bei den anstehenden Kommunalwahlen in Niedersachsen genau hinschaut, könnte auf einen ungewöhnlichen Namen stoßen: „Die Urbane. Eine HipHop Partei“. Kein Fun-Fact, keine Verwechslung – die Partei gibt es wirklich, und sie tritt seit Jahren bei Wahlen an. Zeit für eine entspannte Einordnung, was sich dahinter verbirgt.
Wer steckt dahinter?
Gegründet wurde die Partei im Mai 2017 in Berlin – initiiert von Rapper Fabian Blume (aka Dra-Q/SirQlate), dem ehemaligen Breakdance-Weltmeister Niels „Storm“ Robitzky und DJane Freshfluke.
Die Idee dahinter: Die vier Elemente der HipHop-Kultur – Rap, DJing, Breakdance, Graffiti – als politisches Programm zu übersetzen, statt sie nur als Kunstform zu behandeln. Mittlerweile gibt es Landesverbände in mehreren Bundesländern, darunter auch Niedersachsen.
Bei bundesweiten Wahlen hat es bisher nie zum Einzug in ein Parlament gereicht – das ist bei einer Kleinpartei aber auch keine Überraschung. Interessanter ist ohnehin, wofür sie steht.
Werte: Love, Peace, Unity, Having Fun
Die Urbane verortet ihre ideologischen Wurzeln explizit in den ursprünglichen, emanzipatorischen Werten der HipHop-Kultur: „Love, Peace, Unity and Having Fun“.
Das klingt erstmal nach Slogan, ist aber tatsächlich der rote Faden im Parteiprogramm. Die Partei versteht sich selbst als „radikal, dekolonial und machtkritisch“ und besteht laut eigenen Angaben zu großen Teilen aus Menschen aus Musik-, Theater- und Kulturszene.
Zentrale Ziele sind soziale Gerechtigkeit, Gleichstellung und Selbstbestimmung – unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Religion, sexueller Orientierung oder Klasse.
Konkret fordert die Partei unter anderem ein bedingungsloses Grundeinkommen, den Ausbau von Black Studies und Decolonial Studies an Universitäten, sowie den vollständigen Ausstieg aus fossilen Energieträgern.
Positionen, die in jüngerer Vergangenheit im Vordergrund standen
In den letzten Jahren hat Die Urbane ihre Schwerpunkte konsequent geschärft:
Antirassismus & Dekolonialisierung: Ein zentrales Thema, das die Partei bei praktisch jedem Wahlantritt in den Vordergrund stellt.
Kritik an Militär und Rüstung: Ablehnung von Waffenexporten, kritische Haltung gegenüber NATO-Einsätzen und Bundeswehr-Auslandsmissionen.
Kulturförderung von unten: Die Idee, dass Bürger:innen per Stimmzettel mitentscheiden, welche Kulturinstitutionen gefördert werden – eine direkt-demokratische Note für die Kulturpolitik.
Schutz des Samplings: Als urheberrechtlich umstrittene, aber für HipHop essenzielle Praxis will die Partei das Zitieren von Musik rechtlich absichern.
Bildungspolitik mit HipHop-Bezug: Breakdance statt Leichtathletik, Graffiti statt klassischem Kunstunterricht, Rap-Lyrics neben Goethe-Gedichten im Deutschunterricht.
Cannabis-Legalisierung: Erwartbar, aber laut eigener Aussage nicht ihr Hauptthema, sondern Teil einer grundsätzlichen Ablehnung der Drogen-Kriminalisierung.
Auf kommunaler Ebene, wie jetzt in Niedersachsen, dürften vor allem die Themen Kulturförderung, Antidiskriminierung und bezahlbarer Wohnraum (Stichwort Gentrifizierung, Milieuschutz) im Fokus stehen – Themen, die sich direkt auf Städte wie Hannover, Oldenburg oder Osnabrück übertragen lassen.
Ist HipHop politisch?
Die kurze Antwort: ja, war er schon immer. HipHop entstand in den 1970ern in der Bronx als Stimme von Menschen, die anderswo kaum gehört wurden – das war von Anfang an ein politischer Akt, auch wenn nicht jeder Track eine Botschaft trägt.
Ob sich das aber sauber in eine Parteistruktur übersetzen lässt, ist eine andere Frage. HipHop lebt von Widerspruch, Straßensprache und einer gewissen Anti-Establishment-Haltung – Parteipolitik dagegen von Kompromiss, Verwaltung und langsamen Prozessen. Beides unter einen Hut zu bringen, ist ambitioniert, und Die Urbane zeigt, dass es zumindest programmatisch funktioniert, auch wenn der große parlamentarische Durchbruch bisher ausblieb. Am Ende bleibt HipHop und Politik trennbar und vereinbar zugleich – es kommt darauf an, ob man die Kultur als Ausdrucksform oder als Machtinstrument versteht.



